Milchmann

Milchmann

Anna Burns

2018 Man-Booker-Price for fiction
2018 National Book Critics Circle Award for fiction

2019 Orwell Prize

In der namenlosen Heimatstadt einer namenlosen Erzählerin regieren Paranoia und Angst. Die Menschen sind erfüllt von Misstrauen und darauf bedacht, nicht den geringsten Zweifel an ihrer Loyalität aufkommen zu lassen, denn die Strafe für Abtrünnige ist unbarmherzig – bloße Gerüchte können zum Todesurteil werden. Trotz der herrschenden Namenlosigkeit ist es nicht schwierig, diesen Roman in das Nordirland der späten 1970er-Jahre, inmitten der "Troubles", zu verorten. Nicht zuletzt, da die Autorin selbst im nordirischen Belfast geboren ist und dort während des Nordirlandkonfliktes aufwuchs.

England ist im Roman nur das "Land auf der anderen Seite des Wassers", die Figuren haben keine gewöhnlichen Namen und werden stattdessen durch ihre Rolle im Erzählkosmos benannt. Der "Vielleicht-Freund" der 18-jährigen Protagonistin, ihre "mittlere Schwester" ebenso wie der titelgebende "Milchmann", der aber dann doch eines gewiss nicht ist: ein Milchmann. So verwunderlich mag es dann auf den ersten Blick erscheinen, dass sich dieser Roman nicht zuletzt mit Fragen der Identität beschäftigt.

Die Geschichte, die Anna Burns hier erzählt, ist nämlich ein literarisches Vexierspiel, das den gewillten Leser hineinzieht in eine Welt voller Konfusion und Furcht, erschütternder Grausamkeit und menschlicher Existenz "auf Messers Schneide". Ein Roman, der nicht nur schmerzhaft zeigt, wie der Konflikt eine Zivilgesellschaft zerstörte, sondern auch, wie er Menschen in fremde Identitäten zwang. "Wahrheit ist immer das, was dich überleben lässt"; so könnte eine Faustregel im Roman lauten. In dieser chaotischen und gefährlichen Welt muss eine junge Frau ihren Weg und ihre Weltanschauung finden, verfolgt vom "Milchmann", einem radikalen Nationalisten und Mörder.

Überwachung, Bedrohung, Anpassung, Paranoia, Gewalt, Lügen und Furcht in einem Roman, der erzählerische Normen sprengt. Sicherlich ist "Milchmann" in der Unkonventionalität des Erzählens kein literarisches Fast-Food, aber der mutige und konzentrierte Leser wird reich belohnt. Anna Burns' Roman ist ein hochbrisantes, ein wichtiges Buch - nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit!

ISBN_9783608504682

Verlag_Tropen

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Thomas-Daniel Reichling
Rezensiert von_