
Bergvögel
Zofia Nalkowska
13.04.2026
Mit der nun bei Dörlemann erschienenen Übersetzung von Bergvögel wird ein kleiner Schatz für die deutschsprachigen Leser gehoben. Das Original aus der Feder Zofia Nalkowskas entstand fast zeitgleich zu Thomas Manns Epos Der Zauberberg, wenngleich die beiden nichts voneinander und ihren Projekten gewusst haben dürften.
Während der große deutsche Klassiker sich in die Diskurse des aufkeimenden 20. Jahrhunderts vor dem 1. Weltkrieg hineinwühlt, liegt dieser zeitlich schon hinter uns, wenn wir 1920 in Bergvögel die Gäste eines Schweizer Sanatoriums beobachten dürfen. Doch die Erschütterung und Verunsicherung der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts hält die Figuren fest im Griff.
Ein vielfältiges Spiegelbild der europäischen Nationen versammelt sich fortan, während die Besuche der hier heimischen Rabenvögel "Choucas" und die Fütterung selbiger auf den weiten Galerien der Heilanstalt die Geschichte einrahmen. So unterschiedlich wie die Vögel sind auch die Menschen, die sich hier in fein gestalteten Psychogrammen als Individuen aber auch Repräsentationen ihrer Herkunftsländer manifestieren. Kaleidoskopisch entfaltet Nalkowska die Erzählstränge und webt diese zu einem einzigartigen und eleganten Wörtermantel, der sich um das Leserhirn legt und uns eine Weile in eine andere Zeit entführt.
So episch und weit aufgemacht wie Der Zauberberg ist Bergvögel in der Tat nicht, mit etwa 240 Seiten haben wir es hier im Gegenteil mit einem hochverdichteten Epochenroman zu tun, der in feinsinniger Sprache und voller präziser Beobachtungen die Vergangenheit zum Leben erweckt. Die polnische Autorin, die als osteuropäisches Pendant zu Virginia Woolf betrachtet wurde, zeigt hier ihr ganzes Talent – wie sich Entrückung in luftiger Höhe mit dem Riss in der Geschichte eines ganzen Kontinents vereinigt ist einfach phänomenal.
ISBN_978-3-03820-185-4
Verlag_Dörlemann
