
Der Film
Kristín Eiríksdóttir
11.02.2026
"Nur glückliche Menschen glauben, dass es einen freien Willen gibt."
Ein Buch über das Leben auf der Rasierklinge, den Drahtseilakt über den Abgründen des Lebens. Dimmi ist das Gravitationszentrum dieses Romans, der sich hineinfräst in die verbundenen Schicksale seiner Hauptfiguren. Er ist auch primäre Projektionsfläche für das zentrale Thema der Geschichte: vererbte Traumata und deren Folgen, oft in Gestalt von Sucht, die sich in den langen Nächten Islands ihre Opfer sucht.
Eiríksdóttir spielt mit den filmischen Elementen ihres Schreibens und bringt somit außergewöhnliche Perspektiven hervor. Diese manifestieren sich in eindringlichen Szenen, wie Spuren auf der Netzhaut nach einem Blitzlicht in der Dunkelheit. Die episodischen Rückblicke werden geschickt von der Schilderung eines Filmfestivals umrahmt, auf dem die Erzählerin ihren Dokumentarfilm über Dimmi, den Walfänger, Kriminellen und Süchtigen präsentiert und sich zunehmend kritischer werdenden Einwendungen des Publikums stellen muss und dabei immer tiefer in ihre Erinnerungen eintaucht.
Als ein Teil jener Minderheit von Lesern, die es in der Regel mit Kafka hält: "Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen.", bin ich höchst begeistert von diesem brillant montierten Roman. So hart, düster und authentisch zu schreiben, ist üblicherweise nicht verkaufsförderlich, aber die Autorin selbst sagt: "Ich weiß nicht, wie ich Künstlerin sein sollte, ohne brutal zu sein". Das ist ein Glück, denn so ermöglicht ihr Schreiben den Blick auf menschliche Ambivalenz und die allzu erschreckende Nähe zum Untergang, dem wir oft nur durch glückliche Fügung entgehen, während Menschen wie Dimmi der Urfluch in die Wiege gelegt scheint.
ISBN_978-3-446-28224-7
Verlag_Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
