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Jehona Kicaj

08.10.2025

Shortlist Deutscher Buchpreis 2025

Wenn ich Deutsch spreche, habe ich das Gefühl, mein Kiefer müsste sich verrenken, um die Wörter auszusprechen, sie richtig zu betonen. Es kommt mir manchmal so vor, als hätte ich beim Sprechen einen großen Stein im Mund; die Ecken bei jedem Wort spürbar auf dem Zungenrücken, am Gaumen, an den Wangen. Als würde mir diese Sprache eine Anstrengung abverlangen, die sich jeden Tag mehr und mehr in den Knochen festsetzt.

Der Romantitel deutet auf das zentrale Thema dieses beeindruckenden Debüts hin, in welchem die Erzählerin vorsichtig beginnt, sich mit ihrer Herkunft auseinanderzusetzen. Das "ë" ist im Albanischen ein wichtiger Buchstabe, der am Wortende in der Regel stumm bleibt, dem aber dennoch eine essentielle Rolle zukommt.

Eine solche Stummheit liegt auch auf der Vergangenheit der jungen Frau, die als Kind vor dem Kosovo-Krieg nach Deutschland floh und seitdem an Bruxismus leidet, einer psychischen Folge des Traumas, die sich vor allem in extremen Kieferverspannungen und starkem nächtlichem Zähneknirschen äußert. Als sie sich dieser gesundheitlichen Belastung stellen muss, beginnt eine schmerzhafte Reise in die Vergangenheit. Ebenso reflektiert sie ihr Aufwachsen in einem Land und einer Gegenwart, die oft blind und ignorant ist gegenüber den Opfern des Kosovokrieges – den Verstorbenen wie den Überlebenden.

Wahrheiten liegen hier oft im Schatten, im Ungesagten, im Nichtbeachteten – dies ist programmatisch für den leisen Erstlingsroman Von Jehona Kicaj. Ein geduldiges, aber umso eindringlicheres literarisches Zeugnis einer jungen Frau, in deren "Identität auch der Versuch [ihrer] Auslöschung eingeschrieben wurde".

ISBN_978-3-8353-5949-9

Verlag_Wallstein

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