Eurotrash

Eurotrash

Christian Kracht

>>Endete nicht dein Buch Faserland auch so ähnlich?<<
>>Ja, aber das war ja fiktiv. Dies hier ist echt.<<

Also, Eurotrash, die Fortsetzung von Faserland, 25 Jahre später spielend. Ein sehr ungewöhnlicher Roman mit Tarnkappenbomber-ähnlicher Brillianz, die sicherlich auch gänzlich unbemerkt über den Horizont des einen oder anderen Lesers hinwegschießen mag, was schade, aber durchaus nachvollziehbar wäre.

Es liegt dem Roman nämlich eine Besonderheit zugrunde, die nicht nur aus Krachts überschäumender, assoziationsfreudiger Fabulierlust, sondern auch gerade aus einem wilden Spiel mit Realität und Fiktion erwächst. Denn wer ist eigentlich dieser Ich-Erzähler, der sich als Christian Kracht ausgibt und mit Anekdoten aus dessen Leben um sich wirft, die sich geradeso im Bereich des Möglichen und Glaubwürdigen bewegen, aber doch soweit irritieren, dass ich als Leser nicht umhin konnte, nachzuprüfen, ob Christian Kracht tatsächlich einst eine Prügelei mit Joschka Fischer anfing oder in jungen Jahren zum Brandstifter wurde. Was man dann schnell versteht ist, dass das im Grunde völlig nebensächlich ist und man sich einfach mitreißen lassen darf von diesem allzu unverlässlichen Erzähler.

Diese Sphäre der Unsicherheit wird schnell zum Quell eigentümlichen Vergnügens, denn der Roadtrip, den der Erzähler nun mit seiner, zwischen Trunkenheit und Luzidität oszillierenden, Mutter erlebt, ist ein Höllenspaß. Doch damit nicht genug, denn obgleich Kracht hier – vor allem in den verbalen Geplänkeln von Mutter und Sohn – einen wunderbaren Humor beweist, werden Figuren und Geschichte nie der Lächerlichkeit preisgegeben; im Gegenteil, hinter allem steckt ein großes Maß an Ernsthaftigkeit und humanistisch-kritischem Wohlwollen.

Ein scharfsinniger Autor, der kunstvoll beweist, wie fragil die Grenzen des Möglichen sind.

ISBN_9783462050837

Verlag_Kiepenheuer & WItsch

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Thomas-Daniel Reichling
Rezensiert von_