Herscht 07769

Herscht 07769

László Krasznahorkai

02.12.2025

"die Wölfe rührten sich nicht [...], und da begriff Florian, dass sie nur den Eindruck erweckten als schauten sie auf das Wasser der Saale, denn nachdem er sich schließlich mit schwindender Kraft sehr langsam auf die freie Bank neben ihnen niedergelassen hatte, bemerkte er, dass auch diese beiden ans Ende ihrer Kräfte kamen und an der Stelle der Augen nur je eitrige Löcher waren - da verstummte plötzlich der Psalm, er schloss vor Schmerz und vor Schwindel die Augen und verstand, dass sie in Wahrheit nicht sahen, eher hörten, wie auch er von da an, und von da an alle drei schon blind und auf ewig, wie ruhig, lieblich und glucksend das Wasser ein paar Schritte von Ihnen entfernt plätscherte in der auf dem Land lastenden gnadenlosen Nacht."

So sehr man es sich als Leser auch wünschen mag, große Entdeckungen werden im Laufe eines Leselebens naturgemäß seltener. Doch umso mehr erfreut man sich, wenn beim Lesen eines Textes jenes nabokovsche "Flimmern zwischen den Schulterblättern" erwacht, das große Literatur ausmacht.

Eine Überraschung ist dies bei László Krasznahorkai indes nicht. Der Würdigung mit dem diesjährigen Literaturnobelpreis geht eine Schriftstellerlaufbahn voraus, die hier nur in das Zwangsläufige mündet. Der Großmeister der Apokalypse ist ein überragender Stilist, dessen Texte oft ungarisches Elend verhandelten, aber stets auch universelles, metaphysisches Terrain betreten. Sein drängender, rhythmischer Stil, der auf Satzpunkte verzichtet, erzeugt einen nicht abzuwehrenden Sog und zieht uns über den Ereignishorizont hinein in seine Geschichten.

In "Herscht 07769" geht es nach Deutschland, genauer gesagt ins thüringische Kana. Dort folgt die Geschichte vordergründig dem hünenhaften, aber naiv-einfältigen Florian Herscht. Dieser steht unter dem Einfluss vom "Boss", Neo-Nazi-Rädelsführer mit Reinigungsunternehmen und Bach-Verehrer, der Florian auszunutzen und für seine Zwecke einzuspannen weiß. Florian selbst ist vor allem fasziniert von den VHS-Kursen zur Astrophysik des Herrn Köhler, fühlt sich aber aufgrund eines Missverständnisses in Zusammenhang mit Antimaterie zutiefst – ja geradezu existenziell – verunsichert. Als dann noch Wölfe Einwohner des Städtchens attackieren, nimmt eine Kettenreaktion ihren Lauf, die ins Unvorhersehbare kippt.

Wie es Krasznahorkai gelingt, den Mikrokosmos der (ost-)deutschen Kleinstadt und die Irrungen und Wirrungen eines jungen Mannes einzufangen, dessen einfaches Gemüt ihm Boshaftigkeit gar nicht ermöglicht, diesen aber mit einer Welt und ihren Bewohnern konfrontiert, denen das sehr wohl gelingt, ist absolut außergewöhnlich. Er porträtiert diese Menschen zwar in ihrer Eigenheit, gibt sie jedoch nie der Lächerlichkeit preis. Die Geschehnisse, die ihren fatalen Verlauf nehmen, werden mit äußerstem Feingefühl für des Romans einzigartige Figuren lanciert, während brodelnde Gefahr schleichend die relative Ereignislosigkeit unterwandert.

Wie bei seinen wichtigsten Texten, gelingt es ihm auch hier, hinter dem Schrecken und Leid, das Menschen zuteil werden kann, im Hintergrund nie das Grundrauschen der Hoffnung und Menschlichkeit verklingen zu lassen.

ISBN_978-3-596-70393-7

Verlag_Fischer

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