Influencer

Influencer

Ole Nymoen, Wolfgang M. Schmitt

Es sei dahingestellt, ob es ironisch, gerade richtig oder gar beides zugleich ist, diese Buchbesprechung im Internet zu veröffentlichen, jenem Medium, das zum Erfüllungsgehilfen des "Spektakels" (vgl. Guy Debord) geworden ist. Influencer von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt jedenfalls ist ein wahnsinnig erhellendes, scharfsinniges und -züngiges Buch, das all jenen, die mit einem kritischen und wachen Geist gesegnet sind, ans Herz zu legen ist.

Bereits nach kurzer Lektüre wird offensichtlich, dass das Phänomen der "Influencer" absolut von gesamtgesellschaftlicher Relevanz ist und nicht einem bloßen, flüchtigen Freizeitinteresse einiger gelangweilter Teenager entspringt. Vielmehr sind "Influencer" die verlängerten Arme des Spätkapitalismus, der unter dem Deckmantel eines freundschaftlichen Unterhaltungsauftrags Privaträume und auch vor allem – Achtung! – Kinderzimmer mit dem "Erlösungsversprechen Konsum" infiltriert. Eine häufig schon aus Alters- und Reifegründen oft eher unkritische Zielgruppe wird auf der Suche nach Zeitvertreib, Orientierung und Leitbildern in die Irre geführt und mit Realitätsinszenierungen konfrontiert, die schöner (Photoshop sei dank!) und vermeintlich erfüllender sind als die der Zuschauer; wenig zufällig tauchen in diesem Perpetuum mobile des Trivial-Oberflächlichen regelmäßig käuflich erwerbbare Optimierungswerkzeuge auf, die der Schlüssel zum besseren Leben sein sollen. Wenn schon die Wirklichkeit nicht rosig ist, dann wenigstens die Haut, nicht wahr?

Wie kam es also dazu, dass bloße Werbeanzeigen nicht mehr ausreichten, um die Marktsaturierung der letzten Jahrzehnte mit Nachfragestimulation auszuhebeln und was hat der menschliche Körper als ewige Baustelle damit zu tun? Was macht das manipulative Influencertum mit Generationen von (jungen) Menschen, die sich nun an Idolen orientieren, hinter denen Werbeinteressen lauern; Werbeinteressen für die Begriffe wie Authentizität und Individualität allzu nützliche Störfeuer sind, um die überreizten Sinne der Konsumenten vom Rattern der großen kapitalistischen Konformitätsmaschine abzulenken. Wie beeinflussen diese Realitäts-Illusionen das Gehirn, und auch das Selbst-, Welt- und Körperbild von Menschen, die ohnehin schon ständig dem Dopamin-Schnellfeuer der medialen Instant-gratification-Geschütze ausgesetzt sind und dabei nun ganz nebenbei auch noch einer ordentlichen Gehirnwäsche durch Dauerwerbesendungen im weichgezeichneten Entertainment-Gewand unterzogen werden?

Nymoen und Schmitt haben hier ein sehr lesbares, kritisch-hellsichtiges und wichtiges Buch verfasst, das auf all diese Fragen Antworten gibt und klug analysiert, wie es zum potentiell gefährlichen – da antiaufklärerisch und tendenziell demokratiefeindlich wirkenden – Phänomen der "Influencer" kommen konnte, und welche Konsequenzen das womöglich für unsere Gegenwart und Zukunft hat. Influencer ist für mich eine wunderbar polemische Pflichtlektüre für das 21. Jahrhundert.

#woke

ISBN_9783518076408

Verlag_Suhrkamp Verlag AG

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Thomas-Daniel Reichling
Rezensiert von_