Notizen für John

Notizen für John

Joan Didion

03.02.2026

Die erste Frage, die sich in Auseinandersetzung mit Joan Didions überraschend aus dem Nachlass veröffentlichten "Notizen für John" stellt, ist eine moralische. Denn das vorliegende Buch besteht aus privaten Aufzeichnungen, die Didion seit 1999 über ihre psychiatrischen Sitzungen führte und die als Tagebuch für Ihren Ehemann John Gregory Dunne verfasst wurden. Sie wurden von Joan Didion selbst nie für die Veröffentlichung bestimmt. Sollte dergleichen überhaupt gelesen werden?...

Dieses Journal ist jedenfalls nicht nur ein Schlüssel zu einem tieferen Verständnis von Didions Schreiben, sondern auch eine Menschwerdung dieser „Grand Dame der Literatur“, die mit ihrer analytischen, scharfsinnigen Prosa und vor allem den brillianten Essays die US-amerikanische Literatur- und Journalismuslandschaft über Jahrzehnte hinweg prägte.

Im Fokus der Aufzeichnungen stehen Didion und deren suchtkranke Adoptivtochter Quintana, das komplizierte Verhältnis der beiden und die daraus entspringenden belasteten Familiendynamiken. Mit ihrer klaren und präzisen Art reflektiert Didion die Frage nach möglichen eigenen Unzulänglichkeiten – emotionale Distanziertheit, Kommunikationsschwächen, Arbeitswut, eigene Ängste –, aber auch jene Faktoren, denen sie ohnmächtig gegenüber stand. Auch das Arbeiten und Schreiben sowie die Vergangenheit der Autorin finden Betrachtung und erweitern unser Bild.

„Notizen für John“ ist die Innenschau einer großen Autorin und Denkerin, die wir hier von einer unbekannten, verletzlichen und selbstkritischen Seite erfahren. Ein Buch, das es vielleicht nicht hätte geben sollen, welches aber keine Unrühmlichkeiten birgt, sondern uns Didions Werk und auch die Schriftstellerin als Mensch näher bringt.

ISBN_978-3-550-20438-8

Verlag_Ullstein

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