
Transkription
Ben Lerner
06.05.2026
"Dadurch, dass ich plötzlich offline war [...] erlebte ich eine Abkehr, die von einem leichten Rausch nicht zu unterscheiden war und die Landschaft verfremdete, die Steine steiniger machte; ich hatte ein ungewöhnliches Präsenzerlebnis – eine gesteigerte Wahrnehmung von Silikaten, die im Asphalt glitzerten, den kleinen Dampfwölkchen, die mein Atem waren, dem Geflecht von Ästen und ihren Schatten auf dem Bürgersteig -, begab mich aber auch in meine Vergangenheit [...] weil ich nur in der Vergangenheit ohne Gerät sein würde."
Ben Lerner, der Vielgestaltige der US-amerikanischen Literatur zeigt in Transkription eine meisterhafte literarische Meditation über die Innenwelten des Familiären und die allgegenwärtige Geisterhand der Technologie. Im Gravitationszentrum der Geschichte ruht Thomas – Zeitreisender der Metaphysik –, der bevorzugt in Zitaten spricht und seine Gesprächspartner mit geistreichen, aber nicht selten ermüdenden, Assoziationsgewittern überzieht. Ein allzu kluger Mann, eine wandelnde Entrückung, den im Diesseits zu greifen seinen Nächsten nicht immer gelingt.
In drei Episoden – drei Zugriffen – erleben wir die Menschen, die um diesen Mann kreisen, den Sohn, dessen besten Freund und die jeweiligen Familien und damit eine Geschichte, die nach und nach etwas freilegt, das zuletzt vielleicht doch zu vielschichtig bleibt, um erschlossen zu werden: die schier unerschöpfliche Komplexität des Zwischenmenschlichen in unserer hochdigitalen Welt.
In ihrer Unvermeidbarkeit oppressiv, in ihrer Alltäglichkeit dennoch selbstverständlich, nähert sich Lerner der Technologie. Zu Beginn geschieht dies im Dunstkreis eines Mannes, der aufbricht, um Thomas zu interviewen und den eine disruptive Erfahrung ereilt, als sein Smartphone im Hotelwaschbecken das Leben verliert. Ein folgenschwerer Vorfall, da der Mann sich hier weniger als Nutzer, sondern Abhängiger erkennt und eine ganz neue (oder vielmehr ganz alte!) Weltwahrnehmung erfährt; den Weg finden ohne Navigations-App, die Vögel in den Bäumen der Allee bewundern ohne hektisch deren lateinische Bezeichnungen zu googlen, ein Dasein ohne ständige Statusmeldung in den Orkus des Digitalen. Im Kern ist dieses Missverhältnis unserer Gegenwart natürlich keine revolutionäre Erkenntnis, die Lerner hier reflektiert, aber in ihrer eleganten Einbringung in das Erzählte von besonderer Eindringlichkeit.
Ein Roman, der den Geist unserer Gegenwart einfängt und die Frage stellt, ob wir diesen Geist nicht besser in der Flasche gelassen hätten.
ISBN_978-3-518-43275-4
Verlag_Suhrkamp
